Archetypen und Ritual

Design, Handwerk & materielle Kultur
Design Studio IV, 4. Semester
2015/16

26.07.2016

Die Auseinandersetzung mit archetypischen materiellen Dingen und die mit ihnen einhergehenden Ritualen bzw. Umgangsformen, stehen im Fokus des Designstudios im 4. Semester.

"Produktkulturen entstehen aus der Summe alle im Gebrauch befindlichen Artefakte und Mentefakte einer Epoche und den Umgangsweisen mit ihnen bzw. den Erfahrungen der Nutzer mit Dingen und Nicht-Dingen."
(Gert Selle, Geschichte des Design in Deutschland, Campus Verlag, Frankfurt/Mail, 2007. S. 14.)

Anhand von empirischen Untersuchungen, die von theoretischen Abhandlungen begleitet und zur Beweisführung herangezogen werden können, soll die Herkunft und das kulturprägende Element eines gewählten Archetypus bzw. Rituals, und deren mögliche Wechselwirkungen aufeinander, erschlossen werden. Die Annäherung an den Entwurfsprozess erfolgt auf einer forschenden, theoretischen Ebene. Die gewonnenen Erkenntnisse und das damit generierte Wissen fließen in den Entwurf ein. Die praktische Umsetzung erfolgt durch die Studierenden, die ihre Entwürfe in einem selbstgewählten Material in Form von Prototypen oder Modellen realisieren können.  

AUSGEWÄHLTE PROJEKTE

(in alphabetischer Reihenfolge)

Der Tropfen auf dem heißen Stein

Martin Elmer

Bei seiner Recherche (ursprünglich zur Geschichte des Bieres) bekam Martin Elmer die Idee, etwas zu entwerfen, was als Hommage an Wasser zu deuten wäre. Dabei stolperte er über die Thematik des tropfenden Wasserhahns: "Wenn man davon ausgeht, dass ein Wasserhahn ca. 35 Mal pro Minute tropft, entspricht die Menge an verschwendetem Wasser ca. 5,7 Liter pro Tag. Somit verbraucht ein tropfender Wasserhahn 170 Liter pro Monat (dies entspricht einer gefüllten Badewanne)."

"Die Überlegung war eine Installation zu bauen, welche viel Aufmerksamkeit auf einen tropfenden Wasserhahn legt. Daher war es notwendig, dass der Tropfen nicht einfach still irgendwo verschwindet, sondern, dass dieser Tropfen mit großem "Trara" verschwindet, so dass man stehen bleibt und ihn beobachten möchte.
In meinem Fall war der heiße Stein eine elektrische Herdplatte, welche auf über 300° C erhitzt wurde. Bei über 200°C bildet sich ein Luftpolster, auf dem der Tropfen wild hin und her tanzt, bis er nach wenigen Sekunden verdampft."


Concept Book von Martin Elmer (PDF)

Der Tropfen auf dem heißen Stein. Projekt von Martin Elmer. Foto: (c) N. K.

Materielle Forschungsreihe.
Schaffung einer erfahrbaren Umgebung mit regionalen Materialien

Magdalena Grubhofer

"In Reflexion auf die theoretische Forschungsarbeit habe ich mich bewusst nicht für den Entwurf eines Objektes entschieden. Die Idee ist es, mit Hilfe einer Materialforschungsreihe ein Archiv an Werkstoffen zu erstellen. Materialien sollen wieder erfahrbar sein und mit allen Sinnen erlebt werden können. In einer Zeit wo es eine erdrückende Präsenz an Technologie gibt und Screens, Apps, Texting und Gaming unser Leben und Kommunikation diktieren ist es wichtig, eine greifbare Umgebung zu schaffen.
Mit Hilfe der Materialrecherche wird der Weg bis zum Endprodukt erfahrbarer und ermöglicht eine bessere Beziehung zum Objekt .Das Augenmerk liegt dabei auf Regionalität und Lokalität. Hierzu sollen Produkte, Pflanzen und landwirtschaftliche Abfälle von örtlichen Firmen, Wäldern und Bauern genutzt werden. Mit wenigen und natürlichen Grundwerkstoffen wird ein dinglicher Minimalismus ins Leben gerufen. Dieser soll helfen der industriellen Abhängigkeit zu entfliehen und einen kreativen Schaffensprozess zu gestalten."


Materielle Forschungsreihe. Ein Projekt von Magdalena Grubhofer. Foto: (c) N. K.

Brotkugel

Christian Herzog

In seiner Arbeit beschäftigte sich Christian Herzog mit der Geschichte des Brots und seiner Zubereitung. Dabei bemerkte er, dass es für jeden Arbeitsgang ein eigenes Gefäß gibt (Rührschüsseln, Formschüsseln, Aufbewahrungsschüsseln, Brotkörbe). Daraus entstand die Überlegung, eine Form zu planen, die als Rührschüssel, als Backform, als Backofen mit Oberhitzenfunktion dient und auch die Lagerung als auch die Präsentation am Tisch erlaubt.
Entstanden ist ein neues All-in-One Backtool: die Brotkugel. Gefertigt aus Schamott, hält die Brotkugel bis zu 3000 Grad Celsius aus und ermöglicht es, das Brot direkt im offenen Feuer zuzubereiten. Zugleich lässt sie das Ritual des gemeinsamen Brotbackens wieder aufleben.

"Um den Kugelbackofen wieder dem Feuer entnehmen zu können, konstruierte ich einen Haken, um einerseits die Glut vom Feuer zu trennen und andererseits die Kugel im heißen Feuerbad zu manövrieren. Außerdem wird der Kugelhaken zum Zeremonienstab. Durch das backen im/am Lagerfeuer wird der Akt des Backens wieder bewusster und in der Gruppe erlebbar. Daraus entsteht wieder ein ganz eigenes Ritual, da Lagerfeuer meist in Gemeinschaften zelebriert werden."

Concept Book von Christian Herzog (Auszug, PDF)

Brotkugel. Ein Projekt von Christian Herzog. Foto: (c) N. K.

Esskultur

Sandra Holzer

"Meine Arbeit versucht die Objekte des gedeckten Tisches auf neue Art und Weise auf den Tisch zu bringen. Warum decken wir den Tisch so auf wie wir ihn aufdecken? Wie könnten Elemente eines gedeckten Tisches anders platziert werden, sodass man sie als solche noch erkennt und in ihrer Funktion trotzdem gut eingesetzt werden? Wie kann man auf den Aspekt der zunehmenden Distanz am Tisch umgehen und mehr Nähe schaffen. Es soll eine Inszenierung von Esssituationen erfolgen, die Gedanken zu unseren kulturell geprägten Tischsitten anregen und diese hinterfragen. Es geht nicht um die ohnehin oft gestellte Frage: Was essen wir? sondern: Wie essen wir?

Ziel der Projektarbeit ist es eine kritische Übersetzung der scheinbaren europäischen „Esskultur“ und ihren Gedeck-Symbolen Gabel, Messer und Teller in wenig beleuchtete Esssituationen mithilfe eines Objekts, welches es möglich macht in diversen Situationen ohne Tisch so „kultiviert“ zu essen, wie immer gezeigt wird."


Concept Book von Sandra Holzer (PDF)

Esskultur. Ein Projekt von Sandra Holzer. Foto: (c) N. K.
Esskultur. Ein Projekt von Sandra Holzer. Foto: (c) N. K.

SILENT DIAMANT

Florian Kalcher

Florian Kalcher interpretierte das Thema "Bett" auf eine originelle Weise. Als Ansatz nahm er die Erkenntnis, dass sich ein ganzer Lebenszyklus eigentlich im Liegen abspielt: Die Entstehung des Lebens (durch den Akt der Liebe), die Geburt und der Tod. Der letzte Punkt – der Tod – und das Kürzel "RIP" (Ruhe in Frieden) brachen ihn auf die Idee, eine Liege in Form eines Sarges zu konzipieren. Aus dem negativ konnotierten Tod entsteht somit ein Objekt des Ruhens und der Geborgenheit.

"Das Ziel dieser Liege ist es, zur Ruhe zu finden, den Stress des Alltages zu vergessen und zu ruhen. Die Form des Sarges steht symbolisch für ein 'in Frieden ruhen' fernab von störenden Einflüssen. Die schräg nach außen ragenden Seiten sorgen für Geborgenheit und ermöglichen den Sichtschutz von dem, was uns umgibt. Der freie Raum zwischen den Polsterflächen soll die Form des Sarges aufbrechen und zu einem Abstrahieren führen."

Concept Book von Florian Kalcher (Auszug, PDF)

Liege "Silent Diamant". Ein Projekt von Florian Kalcher. Foto: (c) N. K.

Schreibgerät

Christoph Köhrer

Da er auf gute Schreibgeräte viel Wert legt, wählte sie Christoph Köhrer für sein Thema aus. Als Grundobjekt nahm er den sogenannten Cola Pen – ein über das Internet populär gewordenes, einfaches Schreibwerkzeug, das aus einer Cola-Dose, einem Stab und einem Schrumpfschlauch hergestellt wird. Diesen Cola Pen baute er aus und fertigte mehrere verfeinerte Versionen, bis er zum zufriedenstellenden Endergebnis in Form eines Filzstiftes kam. Die Kappe des Stiftes entnahm er der Form arabischer Säbel bzw. ihrer Scheiden. Letztlich bat er den NDU Kalligrafen Giovanni de Faccio, mit dem fertigen Modell des Schreibwerkzeuges einige Tests durchzuführen.

Schreibgerät. Ein Projekt von Christoph Köhrer. Foto: (c) N. K.

Käse-Werkzeug-Set für Zuhause

Laurenz Kyral

"Ich habe ein Set von Werkzeugen, die zur Käseherstellung zuhause notwendig sind, entworfen. Hauptaugenmerk legte ich dabei auf den Kupferkessel und einen dazu passenden Deckel. Der Kessel wird in ein Wasserbad gestellt. Damit die Temperatur möglich lange gleichbleibt, kann man den Deckel drauflegen. Ist der Käse fertig, kann man den Kessel auf den Deckel stellen, damit er nicht umkippen kann. Im Kasten steht der Kessel verkehrt über den Deckel und die Förmchen gestülpt. Die Förmchen haben zwei bewegliche Bodenplatten. Eine wird unten hineingelegt, die andere kommt auf den Käse drauf. Dadurch ist das wenden einfacher als bei herkömmlichen Formen."

Käse-Werkzeug-Set für Zuhause. Projekt von Laurenz Kyral. Foto: (c) N. K.

Trueggla – Fertig zusammenhängend

Johannes Nigsch

Trueggla ist ein Holzstück, das zur Befestigung der Heuseile - zum Binden des Heus in Ballen für den Abtransport ins Tal - von Vorarlberger und Südtiroler Bauern verwendet wurde, es diente zum Spannen und Fixieren des Seils. Auf Basis dieses traditionsreichen Gegenstandts baute Johannes Nigsch ein neues Utensil für das Zusammenbinden des Transportgutes. Die durch die Recherche gewonnenen Erkenntnisse in einen Entwurfsprozess zu übersetzen, gestaltete sich allerdings anfänglich als nicht unerhebliche Herausforderung, "da sowohl das «Ritual» des Heuziehens als auch der «Archetyp» des Verschlagholzes obsolet sind."

"Das Zusammenbinden hat beim Transport immer noch eine große Bedeutung, es gibt aber auf den ersten Blick funktionellere Hilfsmittel, wie beispielsweise Gurte mit Ratschen oder Klemmen. Die Vorzüge von Spanngurten - zuverlässige Benützung bei geringem Preis - sind mir aus Transporterfahrungen als Montagetischler bekannt. Durch die Recherche wurde mir aber bewusst, dass sie auch Nachteile haben. Aus diesen Nachteilen ergab sich die Überlegung, eine andere Form zu entwickeln."


Trueggla – Fertig zusammenhängend. Ein Projekt von Johannes Nigsch. Foto: (c) N. K.

Videos

  Mehr videos
Kontakt

New Design University
Mariazeller Straße 97a
3100 St. Pölten

T   +43 2742 890 2411
F   +43 2742 890 2413
E   office(at)ndu.ac.at


Infomaterial anfordern